04/08/2021

Wir teilen unser Wissen gern (Teil 8): Über Veränderungen, Burnout, Werte und Ziele

Unsere Expertin gibt im Interview sehr private Einsichten und berichtet über ihren steinigen Weg zum Traumberuf.
Kati von Avance: Seit etwas mehr als einem Jahr – also kurz vor Corona – hast Du den Schritt in die Selbständigkeit gewagt und bist jetzt als Coach, Trainerin und auch Speakerin unterwegs. Wie kam es dazu nach 20 erfolgreichen Berufsjahren im Marketing und Vertrieb in internationalen Unternehmen?

Bianca-Maria Klein: Mit 24 Jahren bin ich für meine erste Stelle nach Brüssel gezogen, um in einem großen amerikanischen Medizintechnik-Unternehmen im Marketing zu arbeiten. Mich hat alles interessiert, jede noch so kleine Aufgabe habe ich angenommen und die Erfahrung aufgesaugt. Alle 2 Jahre – auch nach einer Fusion mit einem noch größeren amerikanisch-geführten Unternehmen – bin ich in eine andere Position gewechselt und durfte drei Mal das Land wechseln. Ständige Veränderungen prägten meinen Alltag.

In dieser Zeit habe ich viel gelernt: über mich, über gute Mitarbeiterführung und über den enormen Einfluss von Führungskräften auf die Motivation und die Mitarbeitergesundheit – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne.

Nach knapp 10 Jahren spürte ich, dass ich eine Pause brauchte. Ich fühlte mich leer und ausgebrannt. Deshalb nahm ich mir 6 Monaten unbezahlten Urlaub, besuchte weltweit Freunde und Bekannte, allein mit meinem Rucksack und der Erkenntnis, dass auch eine kleine Garderobe genügt! Nach weiteren Umzügen und diversen Firmenwechseln – auch verbunden mit negativen zwischenmenschlichen Erfahrungen – war mein Energiespeicher leer. Ich litt an einem “Erschöpfungssyndrom” und wusste nicht mehr, was ich wollte.

Kati von Avance: Im Volksmund spricht man heutzutage vom “Burnout”. Bis heute fehlen jedoch einheitliche Diagnosekriterien und deshalb gibt es auch keine konkreten Zahlen. Aber Fakt ist, dass die Zahl der psychischen Erkrankungen in den letzten Jahren rasant zunimmt. Wie bist Du dann damit umgegangen?

Bianca-Maria Klein: Ja, viele nennen das Burnout, auch wenn das nicht die medizinische Bezeichnung ist. Man spricht eher von verschiedenen Schweregraden einer körperlichen Erschöpfung. Ich habe mir Hilfe geholt, auch medizinische Betreuung über mehrere Monate. Jahre vorher habe ich bereits Coaching für meine Teamentwicklung in Anspruch genommen. Später absolvierte ich Ausbildungen als Coach, Trainerin und im Change Management. So konnte ich für mich persönlich einige Methoden nutzen.

Ich spürte, dass ich Grundsätzliches ändern musste, denn bis zu dem Zeitpunkt lebte ich ständig mit dem Gefühl „ich muss“. Jetzt hatte ich verstanden, dass dieser spürbare Druck durch Erwartungen erzeugt wird – von meinen eigenen und von den Erwartungen der anderen. Deswegen habe ich mich entschlossen dieses Thema als Coach und Trainerin anzugehen.

Kati von Avance: Im Allgemeinen mögen Menschen keine Veränderungen. Wir sind Gewohnheitstiere und alles Neue wirkt erst einmal bedrohlich. Deshalb warten wir mit vielen notwendigen Entscheidungen oft so lange, bis es nicht mehr anders geht. Danach klingt es auch bei Dir.

Bianca-Maria Klein: Ja. Der Grund, warum ich hier ein wenig in die Vergangenheit aushole ist, dass ich für mich erkennen konnte – und jetzt auch meinen Kunden erklären darf – dass Veränderung ein spannender und schöner Prozess sein kann. Wir können all diese Erwartungen in unserem Leben “managen” und verändern. Es wäre toll, wenn wir einfach so – auf Knopfdruck – alles ändern könnten: unsere belastenden Situationen, unsere Beziehungen und vor allem unsere negativen Gefühle. Aber viele dieser Dinge entstehen über Jahre, teils geprägt in unserer Kindheit – z.B. die berühmten Glaubenssätze – teils durch Begegnungen und Erlebnisse, die im Leben einfach dazugehören. Und daher dauert es auch eine Weile, und kostet manchmal Kraft, diesen Transformations-Prozess anzugehen und sich von Erwartungen zu befreien. Aber ich bin das beste Beispiel dafür, dass es sich so sehr lohnt. Und dafür, dass viele der oft negativen Erlebnisse am Ende Wegweiser sind – und als positiv und zielführend erkannt werden können.

Kati von Avance: Was meinst Du genau damit?

Bianca-Maria Klein: Es lohnt sich tiefer zu schauen, nach innen und sich selbst Fragen zu stellen. Fragen wie zum Beispiel: Warum fühle ich mich so? Warum bin ich unzufrieden, unglücklich, gestresst oder ausgepowert? Was möchte ich stattdessen in meinem Leben erreichen? Was sind meine Stärken? Wie kannst ich diese konkret anwenden?… Stellen Sie sich eine Veränderungen bildlich vor. Ich habe angefangen, ganz offen und ehrlich auszusprechen, was ich mir wünsche.

Und dies ist schon eine erste Übung. Lenken Sie den Fokus auf das, was für Sie wichtig und erstrebenswert ist. Definieren Sie dafür Ihre wichtigsten Werte, denn diese haben Einfluss auf unser gesamtes Verhalten. Unzufriedenheit, sich nicht wohlfühlen, Überlastungen etc. sind bereits das erste Indiz dafür, dass man seine wahren Werte nicht lebt. Wenn wir Entscheidungen treffen, die mit unseren Werten übereinstimmen, fühlt sich das immer gut und richtig an. Außerdem helfen persönliche Werte dabei, Ziele leichter zu identifizieren und zu verfolgen.

Kati von Avance: Kannst Du sagen, dass Du jetzt Deinen Beruf mit Leidenschaft machst, also Deine Berufung gefunden hast?

Bianca-Maria Klein: Oh ja, das kann ich. Natürlich – und da bin ich ehrlich – das Leben besteht aus Herausforderungen. Auch die Werte können sich im Laufe des Lebens ändern. Deshalb ist ständige Reflexion und ggf. Neuausrichtung wichtig.

Ich empfehle jeden, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen – entweder alleine oder mit professioneller Hilfe, falls (und ich sage bewusst falls) Sie sich unzufrieden fühlen, Schwierigkeiten beim Bewältigen des Alltags haben, oft schlecht gelaunt sind, sich wünschen, es wäre alles anders, Sie aber nicht wissen, wie Sie es ändern können.

Mein Ziel ist es, andere Menschen zu begleiten – mit lösungsorientierten Ansätzen und Methoden des systemischen Coachings und der Beratung – sei es in der Beziehung, im Team, mit dem Vorgesetzten oder einfach mit sich selbst – zu unterstützen.

Das Leben ist keine Sackgasse, sondern sollte ein Weg mit Selbstbestimmtheit sein, trotz täglicher Herausforderungen.

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