1) Herr Jansing, die Logistik ist eine der stärksten Branchen in Thüringen und hat gerade jetzt zur Weihnachtszeit Hochsaison. Wieso ist es so schwer ausreichend und qualifiziertes Personal in der Logistik verfügbar zu haben? Ist es denn notwendig? Werden die Pakete nicht bald alle von Robotern gepackt?
Es ist längst soweit, dass Roboter und andere Technik zum Einsatz kommen. Amazon und Co. sind hier Vorreiter. Trotzdem bleibt es dabei: Wir brauchen nicht nur Personal im Lagerbereich, sondern an allen Stellen der Logistik-Kette und der Bedarf an qualifizierten Fachkräften steigt. Wir sehen die Engpasssituation am Arbeitsmarkt und es werden Fachkräfte gebraucht, ob im Warehouse oder im Value Added Services Bereich. Es braucht Menschen, die in der Lage sind, diese neuen Instrumente der Digitalisierung zu adaptieren und anzuwenden. Hier spielt auch der demografische Wandel eine Rolle. Junge Führungskräfte haben oft die Herausforderung eine alternde Belegschaft durch den digitalen Wandel zu führen.
Zudem ist die Robotertechnik oft noch nicht einsetzbar, da es eine große Investititon bedeutet und Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, die die Einsätze zulassen. Dazu braucht es ein gewisses Geschäftsvolumen, Prozessleistung und geeignete Flächen. Die eingesetzte Technik muss auch funktionieren und alle entlang der Kette müssen vernetzt sein. Wir sind technologisch in der Lage eine solche Supply Chain aufzusetzen, aber es gibt, neben den wirtschaftlichen, auch formale und rechtliche Hürden, wie wenn wir beispielsweise an das autonome Fahren denken. Bei kleineren Logistikunternehmen steht daher trotz Modernisierung der Läger, der Mensch noch zu 80-90% im Fokus.
„Digitalisierung ja, aber wir müssen uns klar darüber sein, dass es dauert bis das, was technologisch machbar ist, auch ankommt.“
2) Was erwartet uns in Ihrem Vortrag zum Praxisabend Erfolgsfaktor Logistik am 22. April? Kommen wir um Blockchain und Cloud nicht mehr herum?
Nein, wir kommen darum nicht herum. Blockchain und Cloud sind schon da als Technologie und Instrumente. Man muss es differenziert betrachten. Nicht alle Prozesse lassen sich zeitnah digitalisieren. Es ist doch sehr arbeitsteilig, es braucht Standards und es ist oft noch unklar welches Instrument sich für welchen Bereich gut eignet. Zum Beispiel die RFID Technologie, kennt inzwischen jeder vom Ski-Lift oder vom Metro Future Store, wo ich bei Eintritt identifiziert werde, genau erfasst wird, was ich einkaufe, wo ich wie lange stehen bleibe und ich beim Herausgehen automatisch bezahle ohne mein Portemonnaie zu zücken.
Die Technologie ist in der Lage mehr Leistung in die Logistikkette hereinzubringen. Wenn man das will, dann muss man es konsequent umsetzen und es standardmäßig einsetzen. Das ist eine Kostenfrage. Es ist längst möglich die Scanner und Barcodes durch RFID abzulösen, dann erspart man sich auch die physische Jahresinventur und kann auf Knopfdruck die Bestände ermitteln, statt alles händisch abzuzählen. Aber dann braucht ein Joghurtbecher einen Chip statt wie bisher einen Barcode und das ist nicht wirtschaftlich angesichts des Warenwertes eines Joghurts.
Digitalisierung ja, aber wir müssen uns klar darüber sein, dass es dauert bis das, was technologisch machbar ist auch ankommt. Im alltäglichen Leben ist die Digitalisierung längst angekommen. Sie bekommen den Eindruck, dass wenn Sie auf einer Bestellplattform wie Amazon etwas bestellen und es tags darauf ankommt, per Knopfdruck ein Roboter Ihre Ware auf eine Drone lädt, die es Ihnen automatisch zustellt. Aber der praktikable und wirtschaftliche Einsatz der verfügbaren Technologien ist noch nicht geklärt. Auch nicht ob es ökologisch wie ökonomisch Sinn macht. Die Entwicklung ist unaufhaltsam. Der Weg, den ein einzelner Unternehmer nimmt ist eine ganz andere Frage.
Ich habe auch die Frage aufgestellt BIG DATA – was nun? Unsere Welt lebt von riesigen Datenmengen, die durch Systeme gejagt werden, damit wir sie nutzen können. Die Frage ist aber WIE? Was kann ich damit machen? Wie komme ich an die heran, die mir nützlich sind? Deshalb ist es so spannend sich mit Logistik zu beschäftigen. Im Hintergrund laufen so viele Logistik- und Informationsprozesse ab. Alles, was sich bewegt, ist Logistik.
3) Was ist packend an Lagercontrolling? Was würden Sie dem Weihnachtsmann raten, was braucht ein optimales Lagercontrolling? Was ist der Kern Ihres Seminarthemas?
Lagercontrolling, da geht es operativ darum, wer produziert welche Leistungen, was kostet es und was sind die Kapazitäten, also Mensch oder Maschine. Wirtschaftlich betrachten wir die monetäre Seite. Es geht um logistische Leistungen und Erträge.
Der Weihnachtsmann denke ich, hat schon alle logistischen Probleme gelöst. Er schafft es in einer Nacht alle zu beschenken, so dass jeder das genau richtige Geschenk zu sich nach Hause bekommt. Dem Weihnachtsmann kann ich wohl nichts mehr raten. Der ist aber auch der einzige. (lacht) Allen anderen sage ich: Lasst Zahlen sprechen!
Zahlen sind Zahlen. Daten und Fakten spielen eine wichtige Rolle. Insbesondere die Frage aus aktueller Sicht: Kann ich den Zahlen, Daten und Fakten überhaupt vertrauen? Stichwort: Fake News. Überall wo Daten anfallen, besteht immer auch die Gefahr sie zu manipulieren oder fehlzuinterpretieren, wenn sie im falschen Kontext stehen. Die Frage ist immer, was brauche ich, um den eigenen Betrieb nicht nur zu kontrollieren (controlling kommt ja vom englischen „controle“), sondern mittels gut aufbereiteter Zahlen, Daten und Fakten zu steuern. Wo sind Abweichungen und Risiken?
Es ist spannend, denn richtig aufgesetzt kann man anhand einer Hand voll Kennzahlen immer am Puls des Unternehmens spüren wie es um die Firma bestellt ist. Und ich habe einen Wertzuwachs. Wenn ich Zahlen habe, den ich vertrauen kann, kann ich auf das schauen, was wichtig ist. Meine Mitarbeiter zum Beispiel.
4) Herr Jansing, sie sind in der Logistik quasi groß geworden. Was hat Sie motiviert nach ihrer Ausbildung zum Speditionskaufmann noch ein Studium anzuschließen? Wollten Sie immer schon Trainer werden? Was fasziniert Sie an der Logistik?
Ich muss sagen der Diesel liegt mir im Blut. Ich bin von Kindesbeinen an durch das Unternehmen meines Großvaters an die Logistik herangeführt worden. Er hatte in den 60er Jahren ein Transportunternehmen gegründet und schon bald zusätzlich mit Baustoffen gehandelt, so dass er seine Waren auch transportieren konnte. Später kaufte er ein Kalk- und Zement-Werk dazu, so dass er die ganze Supply Chain abdeckte.
Ich wollte nicht von Anfang an Trainer werden, aber es war mir früh klar, dass ich als Speditionskaufmann noch einmal gezielt auf dem zweiten Bildungsweg ein Studium zum Diplom-Betriebswirt aufnehmen möchte. Logistik zieht sich bei mir durch wie ein roter Faden. Auch bei der Bundeswehr war ich später als Zeitsoldat mit logistischen Aufgaben betraut.
5) Als Trainer muss man immer Just-in-Time liefern. Erinnern Sie sich an einen Moment in Ihrer Karriere, an dem Sie gespürt haben, dass Sie genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind? Was macht Ihnen am Trainerberuf am meisten Spaß?
Ehrlich gesagt habe ich dieses Gefühl, diese Selbstreflexion bei fast jeder Trainingsmaßnahme. Vor allem durch das Feedback und die Bewertungen der Teilnehmer merke ich, dass der Trainerberuf offenbar etwas ist, das ich gut kann. Ich kann etwas vermitteln, was einen Mehrwert hat. Es hilft mir, dass ich nicht nur Trainer bin, sondern auch Unternehmensberater und selbst noch unternehmerisch tätig bin. So habe ich seit meiner Ausbildung alle Entwicklungsschritte mitgenommen. Ich habe durch Beratungsprojekte viele, viele Menschen, viele, viele Unternehmen, Strukturen und Problemstellungen kennengelernt und daraus gelernt. Daraus schöpfe ich für meine Trainings. Ich lehre immer aus der Praxis für die Praxis.
Ich bin als Gesellschafter und Geschäftsführer eines überschaubaren, aber erfolgreichen Logistik-Dienstleisters seit sieben Jahren für ein Multitemperaturlager im Großraum Frankfurt verantwortlich und habe hier von der Tiefkühlung über gekühlte Frischware bis zur Trockenlagerung alles unter einem Dach, das dann in europaweite Vertriebs- und Absatzkanäle eingesteuert wird. Ich habe gerade jetzt vor Weihnachten viel zu tun, dass das bestellte Weihnachtsgeflügel beim Händler oder Endkunden pünktlich verfügbar ist.
6) Herr Jansing Sie kommen aus NRW, was verbinden Sie mit Thüringen, vor allem als Logistikstandort?
Ich war schon öfter in Thüringen. Das eine oder andere Projekt hat mich dorthin verschlagen. Ich habe Land und Leute kennengelernt und gerade aus logistischer Sicht sehe ich Thüringen als ein spannendes Spielfeld. Es hat enormes Entwicklungspotenzial, wo logistisch einiges geschehen wird und man in der Lage sein wird von Thüringen aus Akzente zu setzen.
Vielen Dank Herr Jansing, wir sind gespannt welche Akzente Sie mit Ihren Inhalten im April in der Academy setzen und freuen uns auf die Zusammenarbeit!
Michael Jansing sprach mit Maria Siegl vom Avance Academy Team








